Wer ist klüger, Sie oder Ihr Buch?

Über kognitive und emotionale Intelligenz beim Schreiben

»12 Years a Slave« hat den Oscar 2014 als bester Film gewonnen. Eine Entscheidung, die für mich vor allem eins bestätigt: Themen sind in vielen Fällen wichtiger als die Geschichte. Das Gleiche gilt auch für Ihren Roman – sofern Sie möchten, dass er ein Erfolg wird. Ein klares (äußeres) Thema macht Ihren Roman für die Öffentlichkeit greifbarer: Die PR-Leute in Ihrem Verlag haben etwas, was Sie den Medien anbieten können. Die Medien haben etwas, worüber sie schreiben oder einen Film machen können. Die Buchhändler haben etwas, was sie ihren Kunden erzählen können. Die Leser haben etwas, womit sie ein Gespräch über das Buch beginnen können.
Im Prinzip ist das Thema Ihres Buchs das Gleiche für die Vermarktung, was ein Aufhänger für den Roman, die Story selbst ist. Würden Sie einen Roman ohne einen solchen Aufhänger (Hook) beginnen?
Das alles hat nichts mit dem inneren Thema Ihres Romans zu tun, also das, worum es darin wirklich geht. Nehmen wir »Shades of Grey« als Beispiel. Das äußere Thema ist Sadomasochismus, ein ziemlich guter Aufhänger, wie der Erfolg des Buchs gezeigt hat. Das innere Thema hingegen ist eine Liebesgeschichte, vermutlich Verletzungen und Abhängigkeiten und eine Selbstbefreiung (»vermutlich« deshalb, weil ich den Roman nicht gelesen habe).

Themenwechsel.
Moment. Bevor wir das Thema in diesem Artikel tatsächlich wechseln, kurz noch etwas zum Wechsel des Themas mitten in Ihrem Roman: Tun Sie es nicht!
Damit rauben Sie Ihrer Geschichte die Zielrichtung, sie verliert den Fokus und die Leser werden verwirrt. Sie können mehrere Themen in einem Roman behandeln, aber die sollten sich parallel zur Geschichte entwickeln und nicht eins nach dem anderen kommen. Sonst schreiben Sie besser eine Kurzgeschichtensammlung.

Jetzt aber Themenwechsel.

Wer ist klüger? Sie oder Ihr Buch?

Als Sachbuchautor sollten Sie eine klare und bestimmte Antwort geben können: Natürlich sind Sie klüger als Ihr Buch. Sollten es zumindest sein. Denn Ihr gesamtes Fach- und Sachwissen umfasst mehr als das, was Sie darüber schreiben. Sie fassen zusammen, Sie finden die Essenz, aber eigentlich könnten Sie noch Seiten zu dem Thema füllen.

Bei Romanautoren ist die Frage nicht so leicht zu behandeln. An einer anderen Stelle habe ich mal eine klare Antwort gegeben: Der Roman sollte klüger sein als sein Autor. Hier nun werde ich das ein wenig differenzieren.

[unten geht’s weiter …]
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Da ein Roman ein Webstück aus emotionalen und rationalen, kognitiven Fäden ist, scheint es sinnvoll, beide Arten von Intelligenz zu unterscheiden: die kognitive und die emotionale.
Bei der kognitiven Intelligenz gilt, auf den ersten Blick, das, was ich oben über Sachbücher geschrieben habe: Sie werden auch als Romanautor Wissen besitzen und eine Menge Informationen recherchieren, die Sie im Roman nicht verwenden.
Auf den zweiten Blick aber stoßen Sie mit Ihrem Wissen an manchen, nein, an vielen Stellen an Ihre Grenzen. Nämlich überall dort, wo die Charaktere Ihnen wissensmäßig überlegen sind. Wenn Sie über einen Arzt oder einen Tischler schreiben, ohne selbst weder das eine noch das andere zu sein, haben Ihnen Ihre Charaktere im Fachwissen eine Menge voraus. Das ist offensichtlich. Das Gleiche gilt, wenn Sie über besonders raffinierte Handlungen von Charakteren schreiben.
Sehen wir uns dazu ein Beispiel aus Karin Slaughters Krimi »Fallen« an (Dell 2011 / dt. »Harter Schnitt« / eigene Übersetzung).
Protagonist Will Trent besucht einen Gang-Boss im Gefängnis. Der Mann wird über Seiten hinweg als hochgefährlich und irre aufgebaut, man fühlt sich an die Hinführung an Hannibal Lecter erinnert und tatsächlich macht sich Slaughter den Spaß und lässt einen der Charaktere in einer Anspielung an »Das Schweigen der Lämmer« sagen: »Quid pro quo, Clarice.«
Roger Ling sitzt in Einzelhaft, weil er eine Rasierklinge in seinem Rektum versteckt hatte. Der Gefängnisleiter bereitet den Polizisten Trent auf seine Begegnung mit dem gefährlichen Roger Ling unter anderem mit den folgenden Sätzen vor:

„Die Rasierklinge, die wir in seinem Hintern gefunden haben, war in einen handgestrickten Beutel eingewickelt, die Ling aus Fäden hergestellt hat, die er aus seiner Bettdecke zog. Er hat zwei Monate dafür gebraucht. Er stickte sogar einen Yellow-Rebel-Stern hinein, sollte wohl eine Art Witz sein. Gefärbt hat er den Stern mit seinem Urin.“
(…)
„Ich habe keine Ahnung, wie er an die Rasierklinge gekommen ist. Er ist dreiundzwanzig Stunden am Tag in seiner Zelle. Beim Ausgang im Hof ist er ebenfalls isoliert – er ist der Einzige im Käfig. Er hat keine Kontakt-Besuche und die Wärter haben alle panische Angst vor ihm.“

Der erste Absatz zeigt uns eine kluge Autorin. Auf diese Idee zu kommen, ist schon eine Leistung. Falls Sie sie recherchiert hat, dann dennoch Hut ab vor dieser eingehenden Recherche.
Das Interessantere ist der zweite Absatz. Wie ist Ling an die Rasierklinge gekommen? Fest steht: Er muss dafür verdammt clever gewesen sein. Das Rätsel wird im Roman nicht gelöst. Das heißt: Ling war damit klüger als die Autorin. Aber die kann für sich beanspruchen, dafür selbst äußerst raffiniert gewesen zu sein.
Sie hat einen Nachteil – sie hatte vermutlich keine Idee, wie Ling an die Klinge gekommen ist – in einen Vorteil umgemünzt. Indem sie ihr Nichtwissen als eine äußerst gerissene Tat eines Kriminellen getarnt hat. Natürlich hat auch der Leser keine Ahnung, wie Ling an die Rasierklinge gekommen ist. Ling ist klüger als Autorin und Leser – und wird dadurch zu einem überaus interessanten und gefährlichen Charakter.

Für Sie heißt das: Sie müssen nicht immer klüger sein als Ihre Charaktere. Oft können Sie das auch gar nicht sein, wie etwa bei den oben erwähnten Ärzten. In den meisten Fällen umgehen Sie das Problem, indem Sie Ihr Nichtwissen einfach unter den Tisch fallen lassen und es umschiffen. In manchen Fällen aber kann es eine gute Idee sein, dieses Nichtwissen nicht zu verstecken, sondern es, wie hier Karin Slaughter, offen zu zeigen und zu Ihrem Vorteil zu wenden.

Bleibt noch die emotionale Intelligenz. Ein guter Roman transzendiert seinen Autor auf einer tieferen, unbewussten Ebene. Aus den einzelnen Sätzen ergibt sich etwas Größeres. Der Autor hat das Seine dazu getan, aber irgendwann ist die Geschichte ihm im besten Sinne über den Kopf und auch über das Herz gewachsen. Er hat seinen Teil bewusst getan und sich bei anderen Dingen auf seine Intuition, auf sein Unbewusstes und auf sein Unterbewusstes eingelassen und verlassen.
Auch das gehört zu einem guten Autor: an den richtigen Stellen die bewusste Kontrolle abzugeben und sein Inneres schreiben zu lassen. Wenn Sie ein geübter Schwimmer sind, denken Sie nicht mehr über jeden Schwimmzug und jedes Atemholen nach, sie vergessen, dass unter Ihnen hundert Meter Meerwasser sind und dass Sie jederzeit ertrinken können.
Je geübter Sie sind, desto weiter können Sie sich hinauswagen.
Das Wasser trägt nicht jeden, nicht jeden gleich gut, nicht immer.
Im Seichten aber werden keine besseren Romane geschrieben.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

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(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Wie kann man noch säen und ernten? Gelungene Beispiele aus Literatur oder Film? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂

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11 comments on “Wer ist klüger, Sie oder Ihr Buch?”

  1. Anne Reinery Antworten

    Hmm, ich verstehe, was Sie mit diesem Beispiel meinen, aber die hier zitierte Szene von Mrs Slaughter hat mich leider zum Kichern gebracht: wenn der gute Mr Ling ein Beutelchen in seinem Allerwertesten versteckt hat, ist es hinterher tief- oder besser k***braun, wenn man es wäscht, geht leider auch das Uringelb verloren ;), deshalb funktioniert das Detail mit dem Rebelstern nicht so wirklich.

    • Kjell Antworten

      Das kommt darauf an, wie weit der Gegenstand reingeschoben wird.
      Ein einem Kleinkind in den Hintern geschobenes Fieberthermometer ist anschließend auch nicht „braun“ wieder raus. Sie könnten sich einen Finger in voller Länge reinstecken, „braun“ wird er dennoch nicht.

      Ein gestrickter Beutel dürfte nicht über die Eigenschaft eines Zäpfchens verfügen, von sich aus tiefer vorzudringen. Solange der Beutel also nicht allzu lange im Rektum versteckt werden muss, ist es zumindest vorstellbar.

  2. Janett Marposnel Antworten

    Auch auf die Gefahr hin, dass ich dieses Zitat von Dirk Kurbjuweit aus dem SPIEGEL auf schriftzeit bereits gepostet habe, tue ich es trotzdem nochmal, da es so schön zu der Antwort von Herrn Waldscheidt passt:
    „Wer einen Roman aus dem eigenen Leben schreibt, entscheidet sich gegen die Wahrheit, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Ein Leben ist kein Roman, auch wenn es spannend ist. Ein Roman entsteht nicht über das Erinnern, sondern über das Erzählen. Die Erinnerung schafft einen Rahmen, aber vor jedem Satz steht nicht die Frage: Was ist passiert?, sondern die Frage: Was braucht die Erzählung? Erst im Triumph des Erzählens über das Erlebte entsteht Literatur.“

  3. Lillyn Bell Antworten

    Ich hoffe, dass ich mal so intuiv schreibe wie ich schwimme. 🙂 Ein sehr schönes Bild!!

    Im Grunde ist das die Weiterentwicklung des Prinzips „Logiklöcher stopfen“. Da empfehlen Sie ja auch das Logikproblem direkt anzusprechen und nicht zu versuchen es unter den Tisch zu kehren.
    Beispiel: Die Kellnerinnen, die darüber reden, wie der biedere Herr Mair zu dem Date mit dem Supermodel gekommen ist.

    Hier ist aus dem Logikproblem, wie kommt der Häftling in der Einzelzelle zur Rasierklinge, ein Beweis für die Cleverness des Protas geworden. Respekt! 🙂

  4. Mira Bluhm Antworten

    Danke, das ist lieb 🙂

    Das ist tatsächlich die Schuld des Films, nicht der Vorlage. Ich habs erst ca. zur Hälfte durch, aber Solomon hat Briefe nach Hause geschickt, ein Freund von ihm war an der Sache dran, er ist auch mal durch die Sümpfe davongelaufen – ja, okay, die Beschreibung der Tiger in den Sümpfen von Luisiana war etwas dick aufgetragen … vielleicht fehlt der Teil deshalb 😀

    Whatever, jetzt kann ich beruhigt weiterschreiben 🙂 Danke 🙂

  5. Mira Bluhm Antworten

    Was stimmt denn Ihrer Meinung nach nicht mit 12 Years a Slave? Ich lese Ihren Blog schon seit Jahren regelmäßig und schätze Ihre Meinung sehr, deswegen würde mich wirklich interessieren, was Ihnen an dem Film negativ aufgefallen ist. Ich habe den Film gesehen und bin gerade dabei, das Buch zu lesen, das sich im Grunde nicht vom Film unterscheidet, außer, dass es länger ist, und finde die Geschichte einfach nur abgrundtief traurig. Was gut ist, weil das heißt, dass sie starke Emotionen hervorruft. Gut, das Ende ist nicht optimal vorbereitet, da hätte man andere Aspekte als die, die im Film vorkamen, aus Solomons Geschichte aufgreifen und aufbauschen müssen, um das abzurunden, aber dafür hätte dann wieder etwas anderes gefehlt … Schwierig.

    Jetzt haben Sie das Thema angerissen, bitte führen Sie es auch zu Ende, bevor es mich wahnsinnig macht.

    LG 🙂

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Liebe Mira Bluhm,

      bevor Sie noch wahnsinng werden, hier meine Gedanken zu „12 Years a Slave“ 😉

      Der Film leidet unter demselben Problem, unter dem viele Geschichten leiden, die sich tatsächlich zugetragen haben: Das Leben hat keine Ahnung von bewährten Erzähltechniken. Das sorgt dafür, dass solchen Geschichten oft zum Beispiel wichtige Wendepunkte fehlen, was im Leser/Zuschauer einen unbefriedigenden Eindruck hinterlässt, weil sich beispielsweise zu wenig verändert. Auch fehlt es „wahren“ Geschichten häufig an der essenziellen Zuspitzung, die gerade im zweiten Akt so entscheidend ist, damit man als Leser/Zuschauer das Gefühl hat, die Geschichte entwickele sich nicht nur fort, sondern laufe auch auf einen Höhepunkt hinaus.

      In diesem Fall schadet dem Film insbesondere die Passivität seiner Hauptfigur, Solomon Northup. Solomon erleidet schrecklich viel. Aber für eine richtig gute Geschichte ist das zu wenig. Die Zuspitzung fehlt ebenso wie ein echter Höhepunkt. Natürlich kann das ein gewiefter Filmemacher ausgleichen. Etwa, indem er den emotionalen Höhepunkt beim Wiedersehen von Solomon mit seiner Familie bringt. Durch die Passivität der Hauptfigur aber fühlt sich diese durchaus gelungene Szene zu wenig verdient an — Solomon hat nicht wirklich etwas aktiv für dieses Wiedersehen getan.
      Ergebnis: Gerechtigkeit nur in dem Sinn, als dass da jemand unschuldig in eine schreckliche Lage geraten ist und am Ende da wieder herauskommt. Aber keine echte poetische Gereichtigkeit und damit auch kein wirklich befriedigender Film.

      Für den Autor oder Filmemacher ist das ein Spagat. Wie sehr darf er von den tatsächlichen Ereignissen abweichen?

      Ich hoffe, damit habe ich Sie vorm Wahnsinnigmachen bewahrt und Sie bleiben mir als Leserin erhalten.

      Stephan Waldscheidt

  6. Janett Marposnel Antworten

    Herr Waldscheidt! Was für ein Bild! Der Schreibende und der Schwimmende. Genial. Ich denke, jeder Autor kann sich mit diesem Bild hervorragend identifizieren.

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