Die unwahrscheinlichen Erfolge kleiner Romane

Wann eine kleine Geschichte groß wird – und ein Bestseller

Geschichten mit einem »High Concept«, wie es in der Sprache der Drehbuchschreiber so schön heißt, sind meist die großen, die gewaltigen Geschichten, bei denen eine Menge auf dem Spiel steht, gigantischen Massenszenen wie die Schlacht um Helms Klamm im »Der Herr der Ringe« oder Zerstörungsorgien wie die Zerlegung Tokyos oder New Yorks durch »Godzilla«.
Genauer gesagt, geht es bei High-Concept vor allem um die gute und leichte Verkäuflichkeit eines Konzepts, häufig unter Zuhilfenahme eindringlicher Bilder oder Vergleiche: »Ein Vergnügungspark mit lebendigen Dinosauriern« (»Jurassic Park«) oder »Der weiße Hai im Weltall« (»Alien«). Das heißt zugleich, dass der Fokus weniger auf komplexen Charakteren liegt, sondern auf einem spannenden, leicht zu pitchenden Plot. Was wiederum nicht heißen muss, dass High-Concept-Geschichten nicht durchaus komplexe Charaktere haben können.

Ein Roman-Bestseller ist in den meisten Fällen High Concept. Gerade die richtig großen Bucherfolge sind fast immer entsprechend großangelegte Geschichten: »Die Tribute von Panem«, »Harry Potter«, »Der Herr der Ringe«, »Die Säulen der Erde«, »Der Da-Vinci-Code«, »Der Schwarm« – allesamt Geschichten mit einem großen Spektrum, vielen Personen, vielen Seiten, in denen es um eine Menge geht.

Aber auch kleinere Geschichten können Bestseller werden. Ein Beispiel ist der im letzten Jahr verfilmte Roman »The Help« (»Gute Geister«). Oder nehmen Sie »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« oder »Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry«.
Selbst der Megaseller »Shades of Grey« ist im Kern nur eine kleine Liebesgeschichte. Die aber wurde über die Sadomaso-Thematik zu etwas Gewaltigem aufgeblasen – mehr von den Medien und Lesern als von der Autorin – und hat auf diesem Weg viele weitere Leser hinzugewonnen.

Überhaupt scheint es wichtig für jeden Bestseller, dass ihn die Medien entdecken. Aber diese tragen nur weiter zu dem Effekt bei, der schon längst begonnen hat: mit Hilfe enthusiastischer Leser. Jeder begeisterte Leser, der über ein Buch spricht, pappt einen Schneeball zusammen und rollt ihn einen schneebedeckten Hang hinunter. Je mehr Leser Schneebälle rollen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass einige davon immer mehr Schnee um sich packen, bis sich richtig dicke Kugeln geworden sind. Vorhersagen oder gar berechnen, welcher kleine Ball zur mächtigen Kugel wird, das kann niemand.

Sie selbst aber können Ihren Lesern die Schneebälle vorformen – und zwar mit dem, was Sie und wie Sie es schreiben. Bei High-Concept-Geschichten ist das einfacher. Da sind die Schneebälle fett und breit in der Handlung zu erkennen: Bei »Thor — The Dark World« muss Thor nicht nur die Erde, sondern einen guten Teil des Universums retten. Es kommen Götter vor und gewaltige Schlachten, Raumschiffe, die London-Greenwich dem Erdboden gleichmachen. Higher kann ein Konzept kaum mehr sein.
Heißt das, bei kleinen Geschichten können Sie als Autor keine Schneebälle formen?

[unten geht’s weiter …]
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Schneller Bestseller – Bessere! Romane! Schreiben! 3
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Das heißt es keineswegs. Auch bei scheinbar kleinen Geschichten kann es um Großes gehen. Wenn das richtig umgesetzt wird, verzaubern solche Bücher die Menschen rund um die Welt. Ein schönes Beispiel ist der auf den ersten Blick nicht nur kleine, sondern winzige Roman »Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry« (Krüger 2012).
Harold ist ein Mittsechziger aus einer südenglischen Kleinstadt. Ein Rentner, dessen Leben und Ehe leer vor sich hindümpeln. Harold sitzt den ganzen Tag in seinem Sessel, mit seiner Frau redet er schon seit vielen Jahren nur noch Belangloses, längst ist sie aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausgezogen. Da kommt ein Brief für Harold. Eine ehemalige Kollegin, Queenie, mit der ihn ein kleines Abenteuer (keine Affäre) und viele stille, aber angenehme Stunden auf gemeinsamen Dienstfahrten verbinden, schreibt, dass sie im Sterben liege. Sie wolle sich mit dem Brief von ihm verabschieden. Harold hat die Kollegin gemocht, gesehen haben sie sich seit zwanzig Jahren nicht mehr. Ihm fällt nichts Besseres ein, als Queenie einen belanglosen Brief aus ein paar leeren Sätzen zurückzuschreiben.
Etwas aber bringt ihn dazu, den Brief selbst zum Briefkasten am Ende der Straße zu bringen. So ganz gefällt ihm nicht, was er da geschrieben hat, es erscheint ihm unangemessen angesichts des nahen Todes dieser Frau. Am Briefkasten zögert er. Und beschließt, bis zum nächsten Kasten zu gehen. Auch dort wirft er den Brief nicht ein, und auch nicht auf dem Postamt. Harold geht weiter. Mit dünnsohligen Seglerschuhen, ohne Ausrüstung und Proviant, ohne Karte und Kompass und körperlich eine kurzatmige Couchpotato.

Was für eine winzig kleine Geschichte! Und wie sehr täuscht dieser Eindruck. Nach einer Unterhaltung mit einem Mädchen an einer Tankstellentheke beschließt Harold, den ganzen Weg zu Queenies Hospiz zu gehen – achthundert Kilometer quer durch England. Er setzt sich in den Kopf, solange er unterwegs ist, wird Queenie nicht sterben. Auf dem Weg trifft er zahlreiche Menschen und Schicksale, seine Pilgerreise wird zu einem Medienereignis, Scharen von Menschen schließen sich ihm nach und nach an.
Auf Harolds Weg handelt der Roman die großen Themen ab: die Liebe, den Tod und die Suche nach sich selbst. Die so klein begonnene Geschichte wächst im Leser mit jeder Meile, die Harold zurücklegt, bis sie um vieles größer geworden ist als Thors Kampf ums Universum.

Die Leser wollen große Geschichten. Doch es gibt eben Geschichten, die sind vordergründig groß und solche, deren Größe sich in den Themen oder sogar nur zwischen den Zeilen entwickelt. Die vordergründig großen Geschichten sind einfacher zu schreiben und einfacher zu verkaufen. Spektakel haben Menschen immer schon angezogen.
Aber mindestens ebenso werden Menschen, Leser von Dingen angezogen, die sie tief im Inneren berühren, die an dem kratzen, was ihr Menschsein ausmacht. Die große Fragen abhandeln. Die dafür sorgen, dass Leser Schneebälle werfen.

Tatsächlich kommt solchen Romanen, die groß im Kleinen sind, der zentrale Motor aller Romane zugute: Konflikt. Denn gerade der Konflikt zwischen einem so unspektakulären Mann wie Harold und dem Gewaltigen, dem er sich stellt – der langen Wanderung, die für ihn eigentlich nicht zu bewältigen ist, im Vordergrund und den großen Themen im Hintergrund – gerade dieser Konflikt macht die kleine Geschichte um so vieles größer.

Wenn Sie eine kleine Geschichte erzählen, dann begnügen Sie sich nicht einfach automatisch mit dem Kleinen. Suchen Sie das Große darin, das Universelle, das die meisten von uns berührt, finden Sie es und stellen Sie es heraus, etwa als Thema oder eben zwischen den Zeilen. Auf diese Weise haben Sie auch mit einer kleinen Geschichte – einem Low Concept – die Chance, viele Leser zu erreichen. Und zu berühren.

Und dann werden viele Schneebälle mit Ihrem Namen einen verschneiten Hang herunterrollen.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

PS: Wenn Sie diskutieren möchten, welche Dinge einen Roman zum Bestseller machen, sehen Sie sich doch mal diesen Fragebogen an, der vierzig Fragen an Ihren Roman stellt: „Wird Ihr Roman ein Bestseller?“ Die Auswertung sowie ausführliche Erläuterungen dazu gibt es in der Neuausgabe von „Bessere! Romane! Schreiben!, die in den nächsten Tagen erscheint. (Die mit dem gelben Punkt auf dem Cover: „Mit Test“.) Ich hoffe, dass Amazon dieses Mal ein automatisches Update für all die ermöglicht, die das E-Book bereits haben.

(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Was macht für Sie eine kleine Geschichte groß? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂

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6 comments on “Die unwahrscheinlichen Erfolge kleiner Romane”

  1. Apfelsaft Antworten

    Nein, nein, ein guter Pitch und eine differenzierte, komplexe Betrachtung im späteren Text schließen sich nicht aus. Trotzdem brauchen die Leser einen Anker, um vom Buch überhaupt Kenntnis zu bekommen. Wenn man hundert Wischi-Waschi-Wörter braucht, um einen Eindruck vom Buch zu geben, ist es nicht gut.
    Wischi-Waschi-Eindrücke wären „Das war spannend“, „Das hat eine schöne Sprache“ oder „Das ist originell“, weil davon jeder andere Definitionen hat. Was der eine spannend findet, langweilt den anderen. Was der eine als schöne Sprache empfindet, findet der andere kompliziert. Was der eine originell findet, hat der andere schon tausend Mal gelesen. Was macht das Buch zu etwas Besonderem? Gib mir einen Anker! Sag es mir konkret und sag es mir prägnant!
    Ich glaube, daran scheitern die meisten E-Bücher, sie bieten den Menschen keinen Anker, etwas, das sich leicht zusammenfassen lässt, so dass man einen ersten Eindruck bekommt. Die Sprache funktioniert eben meist nicht so gut, weil die meisten Menschen kein so gutes Gedächtnis haben, um sich die Sprache zitierfähig zu merken.

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Gefällt mir sehr gut, das mit dem Anker. Genau: Maximal konkret, maximal prägnant sein! Warum? Weil Besonderheit, Einzigartigkeit nur im Konkreten möglich ist. Und weil Prägnanz beweist: Da weiß jemand genau, was er erzählt.

      Stephan Waldscheidt

  2. Apfelsaft Antworten

    Es muss also einfach zu pitchen sein.
    Der Titel „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“ ist ja fast ein halber Pitch.
    Ich glaube, erfolgreiche Bücher müssen immer etwas haben, was sich leicht pitchen kann, sowohl in E und U-Literatur. Wenn ich Probleme habe und zu viele Wörter brauche, um das Konzept zu erklären, ist es nie gut.
    Ein paar Beispielsweise aus der E-Literatur: Hoppe, eine fiktive Biografie, Aller Tage Abend von Jenny Erpenbeck, das Leben einer Figur endet zu verschiedenen Zeitpunkten mehrmals.

    • HenningM Antworten

      ZITAT „Ich glaube, erfolgreiche Bücher müssen immer etwas haben, was sich leicht pitchen kann, sowohl in E und U-Literatur. Wenn ich Probleme habe und zu viele Wörter brauche, um das Konzept zu erklären, ist es nie gut.“
      So, so. „Bücher MÜSSEN immer … ist es NIE gut.“
      Gott erhalte uns unseren differenzierenden Zugang zur heiklen Materie.
      Schönes Wochenende noch.

  3. Apfelsaft Antworten

    Auch kleinere Geschichten können High Concept, High Concept basiert darauf, dass man die Grundidee in wenigen Worten und Sätzen zusammenfassen kann und sie da schon eigenständig und unverwechselbar ist, das muss nicht unbedingt Spektakel sein. Deshalb sind die von ihnen erwähnten Bücher wahrscheinlich auch High Concept, in diesen Büchern ordnet sich alles einer Idee unter.
    Low Concept wäre für mich ein Krimiermittlerpaar aus Mutter und Tochter in Dresden oder der fünfte HdR-Klon.

    • Stephan Waldscheidt Antworten

      Danke für den Kommentar.

      Ich habe meine Ausführungen im Artikel ein wenig präzisiert. Theoretisch geht es bei High-Concept Ideen vor allem um die gute und leichte Verkäuflichkeit einer Idee. In der Praxis heißt das meist, aber nicht immer, große Spektakel mit einem Fokus auf der Story und weniger auf den Charakteren.

      Der Begriff High Concept ist, wie vieles beim Schreiben, nicht einheitlich definiert. Wer mehr darüber lesen möchte: http://en.wikipedia.org/wiki/High-concept

      Stephan Waldscheidt

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