Scherben wie Eis

Wie Sie mit Details aus Einzelbildern einen Film für Ihre Leser machen

Im letzten Artikel vom Montag haben wir uns mit der Bedeutung spezifischer Details befasst (Was Weltbestseller gemeinsam haben. Auch die Kommentare dazu sind lesenswert.). Als Aufhänger habe ich ein Beispiel aus meiner Schulzeit gebracht, Sprachgewohnheiten meiner Französischlehrerin. Das Detail war offenbar spezifisch genug. Gestern erreichte mich eine Mail eines Lesers, in der er die Frau korrekt identifizierte – und das, ohne zu wissen, dass wir auf derselben Schule waren.

Welches Detail aber sollen Sie wählen? Und wie wird dieses Detail stark genug, um eine ganze Szene lebendig zu machen?

Bei der Auswahl des passenden Details hilft ein Blick auf das Thema Ihres Romans. Geht es darin etwa um eine zerbrochene Familie, könnte das Detail ein Gegenstand sein, der zu Bruch gegangen ist. Bei solchen Fragen berühren sich spezifische Details und Symbole. Im Sinne der Erzählökonomie sollten Dinge im Roman möglichst mehrere Funktionen erfüllen. Hier also hieße das, dem Detail neben seiner offensichtlichen Funktion in der Szene auch eine symbolische Funktion mitzugeben.

Wiley Cash tut das in seinem Roman »A Land More Kind Than Home« (Doubleday 2012 / dt. »Fürchtet euch« / eigene Übersetzung). Die Familie, die im Mittelpunkt des Buchs steht, hat gerade einen ihrer beiden Söhne verloren, ein Opfer eines Rituals in einer sektenartigen Kirche. In einer Szene gegen Ende kommt der trauernde und aufgebrachte Vater nach Hause und schmeißt eine leere Bierflasche gegen den Kühlschrank. Die Scherben verteilen sich über den Küchenfußboden.
Diese Scherben funktionieren als ein spezifisches Detail. Sie geben, wie oben angedeutet, auf symbolische Weise auch das Zerbrochene in der Familie wieder, in der ein Sohn tot ist und die Frau anschließend ihren anderen Sohn und ihren Mann verlassen hat.
Doch das genügt noch nicht, um als Detail stark genug zu sein und die Szene lebendig zu machen, die Küche vor dem Auge des Lesers plastisch und greifbar erstehen zu lassen. Das erreicht Autor Cash, indem er die Scherben mehrfach erwähnt, nein, mehr als nur erwähnt: sie erfahrbar macht.

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Dann nahm er die leere Flasche und schmiss sie gegen den Kühlschrank. Sie zerplatzte, und kleine Glasstücke bedeckten den Fußboden. (S. 290)

Der Vater verlässt das Haus, sein neunjähriger Sohn Jess, aus dessen Perspektive wir die Szenen erleben, rennt ihm nach. Aber der Vater fährt im Auto weg, Jess ist allein im nächtlichen Haus, das erste Mal in seinem Leben. Er geht zurück in die Küche.

Die Lichter in der Küche waren an und diese kleinen Stückchen Glas der Flasche, die mein Daddy zerbrochen hatte, funkelten auf dem Boden. Es sah aus, als wäre jemand vorbeigekommen und hätte eine Handvoll Eis in der Küche verteilt. (S. 291/292)

Kurz darauf kommt der Vater zurück. Jess liegt im Bett und hört ihn.

Seine Stiefel gingen durch die Küche und ich hörte, wie sie über das Glas der Bierflasche knirschten. (S. 293)

Das Detail der Scherben taucht mehrfach auf. Das hebt es über andere Details heraus, die nur einmal kurz erwähnt werden. Das Detail leistet einiges. Es gibt einen Eindruck der Küche, fungiert als Symbol der zerstörten Familie und, wegen des Bildes mit dem Eis, der erkalteten Gefühle füreinander, und zugleich als greifbarer Beweis der Wut und Verzweiflung von Jesses Vater, der so etwas noch nie zuvor getan hat.
Indem der Autor die Scherben mehrfach vorkommen lässt, verschiedene Sinne anspricht und sie in die Handlung integriert, macht dieses Detail nicht nur eine Szene lebendig, sondern den Ablauf der Handlung über eine ganze Folge von kurzen Szenen hinweg. Und: Das Detail hilft, diese Szenen miteinander zu verbinden.
Das Detail wird selbst zur Geschichte.

Dieser Umgang mit einem spezifischen Detail ist nur ein Weg von vielen. Aber es ist ein machtvoller Weg und eine der Möglichkeiten, die Sie haben, aus einem Detail mehr zu machen als nur ein Lückenbüßer oder ein kurzes Aufblitzen eines Bildes.
Sie aber wollen mehr als einzelne Bilder im Kopf Ihres Lesers. Dort soll ein ganzer Film ablaufen. Spezifische Details helfen Ihnen dabei.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Was leisten spezifische Details noch? Welches spezifische Detail aus einem Buch ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂

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5 comments on “Scherben wie Eis”

  1. siri Antworten

    Braune Scherben einer Bierflasche sehen aus wie Eis?
    Das läßt mich eher an Umweltzerstörung denken als an eine zerbrochene Familie und ist für mich ein gelungeses Beispiel, wie ich mit einem Detail, das nicht funktioniert, auf eine falsche Fährte geführt werde – weg von der eigentlichen Erzählabsicht.

    • Lillyn Bell Antworten

      Es gibt auch Bierflaschen aus weißem Glas Siri! 🙂
      Das zeigt aber auch etwas interessantes: Dort wo du als Autor nicht detailliert genug schreibst, ersetzt der Leser die fehlenden Details mit Bildern des eigenen Erfahrungsschatzes und Bierflaschen sind in unseren Breiten nunmal hauptsächlich braun oder grün.
      Vielleicht also besser:
      „Die Lichter in der Küche waren an und weiße Stückchen Glas der Flasche, die mein Daddy zerbrochen hatte, funkelten auf dem Boden.“
      Die „kleinen Stückchen Glas“ aus dem Original sind ohnehin doppelt gemoppelt, denn „StückCHEN“ sagt ja schon, dass es klein ist.

      • Stephan Waldscheidt Antworten

        Liegt an meiner hingeschluderten Übersetzung, das mit den „kleinen Stückchen“. Im Original heißt es „little pieces of glass“, wobei die Übersetzung von pieces mit Teilen, Teilchen, Stückchen einfach nicht exakt passt. Glas zerfällt bei uns nun mal sprachlich eher selten in Stücke oder Teile, in den USA aber durchaus. Noch so ein spezifisches Detail … 🙂

        … und es gibt schmutziges Eis, das durchaus, im richtigen Licht, grünlich oder bräunlich aussehen kann.

        Stephan Waldscheidt

  2. Apfelsaft Antworten

    Das Detail als Dingsymbol.
    Wobei man für das Scherbendetail nicht unbedingt recherchieren muss.

  3. Janett Marposnel Antworten

    Ich glaube, dass A und O beim Spezifizieren ist, dass der Autor weiß, was er will und zwar im Sinne seiner Geschichte und nur im Sinne der Geschichte. Der Autor muss wissen, was gut für seine Geschichte ist, was sie voranbringt. Um mal Apfelsafts Beispiele von gestern aufzugreifen – der Autor muss sich zwischen einer spezifischen Darstellung eines Behördenganges und der ausladenden Beschreibung der Frisur einer Beamtin entscheiden, dann wird er nur die richtige Entscheidung treffen, wenn er weiß, was er mit seiner Geschichte beim Leser erreichen will, wenn er die Aussage seiner Geschichte kennt und das angestrebte Ziel.

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