Romane plotten: Sie werden uns abschlachten wie Vieh. Danach erobern sie die ganze Welt.

Roman plotten: Die Rekapitulation am Ende des zweiten Akts

Sie kennen das aus Filmen: Bevor die Guten das entscheidende Mal gegen die Bösen anrennen, fasst noch jemand der Guten die Lage zusammen: »Leute, ich weiß, die bärtigen Riesen haben hundert Mal mehr Leute als wir, sie sind größer, äh, viel, viel größer, stärker, besser bewaffnet und ihr Leben ist ihnen mückenschissegal. Aber wir, wir haben … was haben wir? Richtig: Wir haben den klugen Wicki und Batman und Donald Duck auf unserer Seite, he, und besser aussehen tun wir allemal. Es wird hart, aber lasst es uns diesen hässlichen Typen so richtig zeigen. Oder wollt ihr euch von Typen vermöbeln lassen, die ihre XXXL-Kampfklamotten bei Primark kaufen?«

Scheußlich, oder? So offenkundig. Der Leser ist doch nicht blöd. Und er will auch nicht als dumm verkauft werden. Er weiß, wie die Lage ist. Als Autor muss man ihm das nicht noch sagen.
Mann, als mir diese Gedanken beim Schreiben meiner Schubladenromane durch den Kopf gingen – ich hatte ja so was von keine Ahnung!

Sehen wir uns an, wie das ein Großmeister in seinem Roman macht, der gute alte Stephen King in seinem Roman »Insomnia« (Viking 1994 / dt. »Schlaflos« / eigene Übersetzung). Wir sind kurz vorm Ende des zweiten Akts, über dem vollbesetzten Stadion hängt eine gewaltige Wolke des Bösen und bedroht Tausende, die nichts von der Gefahr ahnen. Der alte Protagonist Ralph weiß nicht, was er und seine wenigen Verbündeten dagegen unternehmen könnten, er fühlt sich hilflos, hoffnungslos. Geschlagen.

Ralph konnte sie fühlen, wie sie hungrig auf ihn niederdrückte und versuchte, ihn zu überwältigen mit Unsicherheit und Bestürzung und Verzweiflung.
Warum sich noch quälen?, fragte er sich selbst und sah teilnahmslos zu, wie Joe Wyzers Ford zurück Richtung Main Street fuhr, mit Old Dor auf dem Rücksitz. Ich meine, he, echt, was zum Teufel soll das Ganze bringen? Wir können dieses Ding nicht beeinflussen, absolut keine Chance. Vielleicht haben wir draußen auf High Ridge was ausgerichtet, aber der Unterschied zwischen dem, was dort vor sich ging und dem, was hier passiert, ist wie der Unterschied zwischen einem Schmutzfleck und einem schwarzen Loch. Falls wir versuchen, uns da einzumischen, werden wir plattgemacht.

Warum tut King das? Die Leser wissen selbst, was auf High Ridge passiert ist, sie sehen diesen gewaltigen schwarzen Trichter über dem Stadion, sie können sich vorstellen, dass die Chancen schlecht stehen.

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Wenn Sie die Ausweglosigkeit der Lage Ihres Helden schildern, schaffen Sie damit selbst eine Art schwarzes Loch: Sie verdichten Geschehenes und Erwartetes in einem Punkt. Dieser Punkt hat, wie ein schwarzes Loch, eine enorme Masse. Was er als Erstes an sich reißt, ist die ungeteilte Aufmerksamkeit Ihres Lesers.

Die Situation, die die Leser zuvor auf vielen Seiten sich entwickeln sahen, wird in wenigen Sätzen zusammengefasst. Es ist dadurch mehr als nur ein Rekapitulieren. Durch die konzentrierte Darstellung wirkt die Lage noch bedrohlicher, als sie es sowieso schon ist. Wenn Sie viel Grau und Braun in einem Punkt konzentrieren, sieht der verdammt schwarz aus. Sprich: Das Rekapitulieren ist tatsächlich ein Verstärken.

Wenn Sie, wie hier bei King, diese Zusammenfassung einem Charakter in den Mund oder in die Gedanken legen, erzielen Sie eine noch größere emotionale Wucht, als Sie das, als neutraler Berichterstatter der Ereignisse, tun könnten. Der Leser, der ja zu dem Zeitpunkt schon drei Viertel des Buchs mit dem Protagonisten verbracht hat und sich ein Stück mit ihm identifiziert, spürt die Verzweiflung, die Aussichtslosigkeit unmittelbar.

Gleichzeitig ist dieser Punkt eine Möglichkeit, kommende Ereignisse anzudeuten – ein Mittel der Suspense. Ein gewaltiger Konflikt wird hier in den Raum gestellt – der Leser krallt sich in schauriger Erwartung tiefer in die Lehne seines Sessels.

Sie können die Wirkung dieser Rekapitulation und Vorausdeutung beim Roman plotten weiter verstärken:

* Sprechen Sie aus, was genau auf dem Spiel steht. Dreiundsiebzig Seiten zuvor stand die Zahl der vom Tod bedrohten Menschen schon einmal da. Jetzt und hier ist die beste Gelegenheit, diese Zahl zu wiederholen.
Steigerung: Sie erwähnen zum ersten Mal, was zusätzlich auf dem Spiel steht. (So könnte in dem King-Beispiel die Tochter des Helden gerade im Stadion angekommen sein und ihren Vater per Handy darüber informieren.)

* Sagen Sie, wie gering die Chancen für die Helden sind, die finale Schlacht zu gewinnen.
Steigerung: Lassen Sie die Chancen noch geringer aussehen, als sie sowieso schon sind. Pessimismus ist hier eine hilfreiche Eigenschaft. Und: Spielen Sie die Erfolge des Helden herunter oder erwähnen Sie abermals seine Niederlagen.

* Erwähnen Sie die Überlegenheit der Gegenspieler. Gerne auch mit spezifischen Details.
Steigerung: Übertreiben Sie ein wenig und bringen Sie einen neuen Grund, warum der Gegner so überlegen ist.

* Geben Sie eine Vorausschau zu einem konkreten und negativen Ausgang der finalen Schlacht.
Steigerung: Suchen Sie sich eine möglichst spezifische und schreckliche Zukunftsvision aus.

Während oder nach diesen schauderhaften Aussichten ist meist der Tiefpunkt des Romans erreicht: All is lost, wie es bei den Drehbuchautoren in Hollywood so schön heißt. Oder »The long, dark tea-time of the soul«, so der Titel eines Roman des unverkennbar britischen Autors Douglas Adams.
Danach kommt dem Protagonisten oft eine neue Idee, die womöglich Rettung verspricht. Meist ist diese Idee die allerletzte Hoffnung. Der Moment, in dem er und seine Verbündeten auf den neuen Kurs einschwenken und sich an die Ausführung dieser Idee machen, ist der zweite Plot-Point am Ende des zweiten Akts, der zugleich in den dritten Akt überleitet.

Dank Ihrer Rekapitulation und der Schwarzmalerei erwartet der Leser umso gespannter, was darin auf ihn zukommt.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Was sind weitere Vorteile dieses Vorgehens? Was seine Nachteile? Fallen Ihnen Beispiele aus Film oder Literatur ein, wo das besonders gut gemacht wurde? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar … Und: Das hier ist kein Abhören in der Schule, es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich freue mich auch über Kommentare, die diese Fragen nicht beantworten 🙂

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4 comments on “Romane plotten: Sie werden uns abschlachten wie Vieh. Danach erobern sie die ganze Welt.”

  1. Windsbraut Antworten

    Was mir als Beispiel dazu einfällt? Shakespeares Henry V. und die Ansprache des Königs am St. Crispianus-Tag vor der Schlacht bei Azincourt. Henrys Heer – geschwächt durch Kämpfe, eine Ruhrepidemie, einen kräfteraubenden Marsch und tagelangen Regen – steht einer erdrückenden französischen Übermacht gegenüber. Henry nimmt diese Umstände auf, dreht sie rhetorisch, überhöht sie, schmiedet daraus eine Herausforderung und Verbrüderung, denn jeder, der an diesem Tag mit ihm kämpft, soll sein Bruder sein, egal welchen Standes. Jeder Kämpfer werde mit Stolz seinen Enkeln seine Narben zeigen, jeder Adelige, der im warmen Bett in England zurückgeblieben ist, werde zukünftig vor Scham erröten, wenn er einem Überlebenden dieses Tages gegenüber trete.
    Verstärkt wird die tatsächliche Hoffnungslosigkeit durch den französischen Unterhändler Montjoy, der Henry zunächst herablassend, dann bewundernd gegenübertritt, ist er sich doch des Sieges der französischen Truppen gewiss. Umso strahlender ist Henrys Sieg.
    Kenneth Branagh gibt einen großartigen Henry V.

    • Kristin B. Sword Antworten

      Ich finde, an Ansprachen vor Schlachten kann man dieses Prinzip häufig sehr gut erkennen.

      Mein persönlicher Favorit ist diesbezüglich die „Freedom Speech“ von William Wallace (gespielt von Mel Gibson) aus Braveheart, in der er seine schottischen Landsleute mit mitreißender Rhetorik und Witz überzeugt, gegen die erdrückende Übermacht englischer Soldaten ins Feld zu ziehen.

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