Die Flucht des kleinen Jungen

Was steht in Ihrem Roman und in jeder Szene auf dem Spiel?

Spannung entsteht aus einem ungelösten Konflikt. Zwei Personen sehen ein Seil auf dem Boden liegen. Der Konflikt ist die Frage: Wer bekommt das Seil? Beide heben das Seil am jeweils anderen Ende hoch.
Manche Roman-Szenen lesen sich genauso: Zwei Charaktere halten ihr Ende eines Seils fest. Dann stehen sie dumm herum und unterhalten sich übers Wetter. Aber keiner von ihnen zieht. Damit sie ziehen, brauchen sie zunächst ein Motiv. Sie brauchen auch ein Ziel, aber das steht hier ja fest: Das Seil bekommen. Doch auch das reicht nicht für eine spannende Szene. Denn gespannt wird das Seil ja erst, wenn beide fest daran ziehen.
Wie fest sie ziehen, hängt davon ab, worum es geht. Wenn zwischen beiden Charakteren ein mit kochendem Stahl gefüllter Graben liegt, ist der Einsatz das Leben.
Erst dann legen sich die Charaktere ins Zeug, erst dann spannt sich das Seil richtig: Erst dann kommt Spannung auf.

So banal es klingt, fast jeder Autor begeht den Fehler, und er oder sie tut das immer und immer wieder: In zu vielen Szenen eines Romans ist dem Leser nicht klar, was auf dem Spiel steht. Was geschieht, wenn ein Charakter sein Ziel nicht erreicht, den Konflikt verliert?
Ein Thriller beispielsweise bringt seinen Protagonisten wieder und wieder in Todesgefahr. Todesgefahr ist das, was nicht nur ein Thriller, sondern jeder Roman braucht, der spannend sein soll, Tod hier im weitesten Sinn, das heißt neben dem physischen Tod der psychologische Tod (Beispiel: Die große Liebe steht auf dem Spiel, ohne sie ist das Leben sinnlos.) oder der professionelle Tod (Beispiel: Der Ermittler verliert seinen Job, wenn er den Fall nicht löst.)

Wie nun zeigen Sie, was in einer Szene auf dem Spiel steht?

Methode 1: Sagen Sie es einfach. Schreiben Sie es Ihren Lesern hin. Lassen Sie es Ihre Charaktere möglichst unzweideutig erklären.

Diese Methode ist zwar unelegant, aber sie erfüllt ihren Zweck. Sie hat außerdem den Vorteil, dass sie klar und prägnant ist und auch noch den letzten Leser, der schwer von Begriff ist, die Lage begreiflich macht. Kein Wunder, dass diese Methode in den auf ein Massenpublikum abzielenden Hollywood-Filmen häufig die Methode der Wahl ist: »Wenn wir den Bus nicht stoppen, sterben vierzig Menschen!«
Dagegen ist nichts einzuwenden, sofern Sie die Erklärung organisch in Ihren Roman einbauen. In jedem Fall ist sie tausend Mal besser, als den Leser darüber im Unklaren zu lassen, worum es geht.
Noch mal zum Mitschreiben oder ins Hirn Kopieren-und-Einfügen: Wenn der Leser nicht weiß, was auf dem Spiel steht, wird er die Situation nicht spannend finden. Da können Sie noch so viele Bomben und Killer und meuchelnde Mördermarder auffahren.
Gut, es gibt da ein kleines Aber. Wie unsere nächste Methode erklärt.

Sehen wir uns dazu einen Ausschnitt aus dem wunderbaren Roman von Jesús Carrasco an, »Die Flucht« (Klett-Cotta 2013). Darin flieht ein kleiner Junge aus seinem Dorf durch die karge Landschaft der südspanischen Provinz. Warum er das tut, erfahren wir im Lauf des Romans.
Der Junge hat die erste Nacht in einem Olivenhain außerhalb des Dorfs verbracht. Dann kommen seine Verfolger und er versteckt sich in einer Senke und breitet Zweige darüber.

Er erkannte den Lehrer, als dieser sich schon fast über ihm die Nase schneuzte. Ein schleimhäutiges Getöse, das das trockene Taschentuch erzittern ließ, bei dem die Kinder in der Schule jedes Mal Blut und Wasser schwitzten, um nicht loslachen zu müssen. Der Schatten des hageren Körpers huschte über sein Blätterdach. Er schloss die Augen und presste die Lippen zusammen, während der Mann auf den Haufen aufgeschichteter Zweige pinkelte.
Der Junge ließ noch viel Zeit verstreichen, nachdem er die letzte Stimme fern von seinem Fleckchen Erde hatte verklingen hören. Er wollte sichergehen, dass er niemanden mehr antreffen würde, wenn er die Äste entfernte. Er war bereit, so lange auszuharren wie nötig. Weder die
Stunden unter der Erde noch der Urin seines Lehrers, der ihm das Haar verklebte, oder der Hunger, der ihn hin austrieb, waren ihm Grund genug, sein Vorhaben aufzugeben. Denn noch nagte in seinem Magen der schwarze Schatten der Familie. Er nickte ein.

[unten geht’s weiter …]
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Der Autor erklärt mit keinem Wort, was für den Jungen auf dem Spiel steht, falls man ihn erwischt. Er beschreibt es indirekt, indem er zeigt, was der Junge Schlimmes über sich ergehen lässt, um nur ja nicht entdeckt zu werden. Der Leser erkennt: Wenn ein kleiner Junge viele Stunden reglos und verkrümmt in einem engen Erdloch zubringt, sich einnässt und sogar noch urinverklebt weiter über Stunden ausharrt, nur um sicherzugehen, dass die Verfolger weg sind, dann steht verdammt viel auf dem Spiel.

Methode 2: Beschreiben Sie, was auf dem Spiel steht, indem Sie es indirekt, aber eindringlich und unmissverständlich durch die Handlungen der Charaktere zeigen.

Diese Methode hat gegenüber der direkten einen Nachteil, aber mehrere Vorteile.
Der Nachteil: Der Leser muss seine Gedanken eben doch ein wenig mit eigenem Hirnschmalz schmieren, damit er die Lage begreift. Aber eigentlich ist auch das ein Vorteil. Denn die meisten Leser lesen ja, weil sie eben nicht alles bis ins Kleinste vorgekaut bekommen möchten wie im Film, sondern Raum für eigene Gedanken, Bilder, Gefühle beanspruchen.

Ein weiterer Vorteil ist ihre unaufdringliche Eleganz (ja, klingt wie aus einem Modekatalog). Wichtiger: Dieses indirekte Vorführen der Einsätze kann ein Geheimnis beinhalten. In unserem Beispiel fragt sich der Leser, worum es geht – das Geheimnis wird durch den erkennbar hohen Einsatz noch geheimnisvoller und damit interessanter, es macht den Leser noch neugieriger.

Das Indirekte der zweiten Methode hat den weiteren Vorteil, dass es leichter steigerungsfähig ist. Der Leser weiß eben noch nicht konkret, was auf dem Spiel steht. Seine Vermutungen aber können daher hier jederzeit noch übertroffen werden.
In unserem Beispiel könnte das heißen, der Leser vermutet, das Leben des Jungen stünde auf dem Spiel. Eine mögliche Steigerung hiervon wäre, wenn sogar das Leben aller Dorfbewohner auf dem Spiel stünde. Sprich: Die Methode erlaubt Überraschungen und das Übererfüllen von Erwartungen – ohne an der Situation etwas ändern zu müssen.

Wenn ein Bus mit vierzig Personen und einem Irren am Steuer und einer Bombe unterm Fahrersitz über Land rast, dann ist das Leben dieser Menschen im Bus in Gefahr. Das steht von Anfang an fest. Steigern lässt sich das nur dann, wenn neue Aspekte ins Spiel kommen, wenn die Lage sich ändert: Der Fahrer hält auf eine ungesicherte Raffinerie zu. Oder unter einem der Sitze kriecht ein kleines Mädchen heraus, ausgerechnet die Tochter des Polizisten, der den Bus stoppen soll.

Am Beispiel mit dem Bus sehen Sie, worauf es bei Einsätzen noch ankommt und warum es so wichtig ist, dass der Leser sie kennt: Nur wenn genau klar ist, was auf dem Spiel steht, können Sie die Einsätze (für den Leser erkennbar) erhöhen!
Wenn zuvor nicht klar war, dass unterm Sitz eine Bombe lag, der Fahrer irre ist und vierzig Menschen in Gefahr sind, dann wird das überraschende Auftauchen des kleinen Mädchens die Situation nicht nennenswert dramatischer machen. Es ist bloß ein weiterer Fahrgast, einer, der um diese Zeit dringend ins Bett müsste.

So wie Sie jetzt dringend in Ihren Roman müssen. Einsätze klarer machen. Klar?

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

PS: Falls Sie »Ist das Leben nicht schön?« noch nicht kennen: Kaufen, ansehen, dazu muss nicht Weihnachten sein. Der Film ist ein Meisterwerk der Filmgeschichte, das auch in siebzig Jahren nichts von seiner Kraft verloren hat.

(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Wie kann man noch zeigen, was auf dem Spiel steht? Beispiele? Wie machen Sie’s? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …

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2 comments on “Die Flucht des kleinen Jungen”

  1. Stephan Waldscheidt Antworten

    Danke Frau Sword für den Hinweis. Das kommt davon, wenn man einfach den Text irgendwo rauskopiert und ihn nicht mehr liest. So viel zum Thema „Unter Zeitdruck schreiben“ …

    SW

  2. Kristin B. Sword Antworten

    Sehr geehrter Herr Waldscheidt,

    ich möchte Sie kurz darauf hinweisen, dass in Ihrem heutige Romanzitat einige Fehler stecken.

    Nichtsdestotrotz danke für den neuen Artikel.

    Kristin B. Sword

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