Hinter jedem großen Mann steht …

Wie Sie Ihren Roman größer machen

Vor ein paar Tagen habe ich mir »Das erstaunliche Leben des Walter Mitty« angesehen (USA 2013; Drehbuch: Steve Conrad; Regie: Ben Stiller) eine Romantic Comedy mit einem ungewöhnlichen Touch: Walter Mitty ist ein Tagträumer, seine Träume aber sind extrem und zeigen ihn in den abenteuerlichsten Situationen (die nebenbei auch noch Zitate aus anderen Filmen sind). Es geht um ein verschwundenes Negativ und darum, wie Mitty sein langweiliges, statisches Leben verändert und, natürlich, die große Liebe findet.

Mitty hat mich an einen anderen Filmhelden erinnert, an George Bailey, den konkurrenzlos liebenswertesten Charakter der Filmgeschichte (noch vor Forrest Gump) und Held des Films »Ist das Leben nicht schön?«, dem konkurrenzlos rührendsten Film der Filmgeschichte (USA 1946; Drehbuch: Frances Goodrich, Albert Hackett, Frank Capra; Regie: Frank Capra).
Leider, aber zu erwarten: Diesem Film kommt »Das erstaunliche Leben des Walter Mitty« nicht einmal nahe, aber immerhin gelingen »Mitty« ein paar schöne Momente und auch der Schluss berührt.

Warum ist George Bailey (gespielt von James Steward) so unwiderstehlich? Weil er seine Träume opfert – und zwar für andere. Das Besondere an diesem Charakter ist, dass er dieses Opfer nicht erst am Ende bringt wie viele der Helden aus Literatur und Film. George Bailey ist ein durch und durch selbstloser Charakter, und dennoch wirkt er nicht wie ein abgehobener Heiliger. Die Anklänge an die christliche Mythologie sind freilich unverkennbar, nicht zuletzt durch Engel Clarence und das Setting des Finales an Weihnachten – George Baileys Wiedergeburt fällt nicht zufällig mit der Geburt Jesu zusammen.

Auch Mitty hat das Zeug zum Helden: Von Anfang an kämpft er mit seinen Beschränkungen. Er ist nie von daheim weggekommen, er findet keine Frau, und in seiner Firma arbeitet er im Fotoarchiv, das natürlich tief unter den anderen Büroetagen liegt. Hier berühren sich Walter Mitty und George Bailey: beide träumen von der Ferne, von Abenteuern, beide schaffen es nicht, von daheim wegzukommen, auszubrechen, ihren Sehnsüchten zu folgen. Doch während George Bailey diese Träume mehrfach begraben muss, weil es in seiner Familie, seiner Bank, seiner Stadt Probleme gibt, die ihm wichtiger erscheinen als seine Sehnsucht, liegt Walter Mittys Beschränkung allein in ihm selbst. Niemand und nichts hält ihn auf, was nicht in seiner Person begründet wäre. Das führt bezeichnenderweise dazu, dass sein Aufbruch nach Grönland auf der Suche nach dem verschwundenen Negativ und dem Fotografen viel zu leicht erscheint – für den Zuschauer ist keine Hürde spürbar.
Mitty Ich-Bezogenheit ist natürlich auch ein Phänomen unserer Zeit. Mitty ist ein moderner Mensch, der vor allem um sich selbst kreist. George Bailey, der seine eigenen Interessen hinter die anderer stellt, wirkt dagegen wie ein Anachronismus. Aber dieser Anachronismus ist, erzähltechnisch, gar keiner, sondern er funktioniert damals wie heute, vor fast siebzig Jahren. Die Geschichte von Jesus Christus funktioniert sogar schon seit über zweitausend Jahren.

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»Das erstaunliche Leben des Walter Mitty« zeigt uns durchaus einen Helden, der über sich hinauswächst. Aber seine Gedanken bleiben bei ihm und seinem engsten Umfeld. Die Suche nach dem verschwundenen Negativ, das die letzte Titelseite des Life-Magazins schmücken soll, betrifft nur ihn allein. Auf dem Spiel steht – immerhin, aber nicht mehr als – sein Job. Als George Baileys Onkel eine große Summe Geld von Georges Bank verliert, betrifft das nicht nur George, sondern die vielen Kunden seiner Bank, die auf ihn angewiesen sind und die ohne ihn ihre Häuser und Ersparnisse verlieren würden.

Hier hätten wir einen Ansatz zur Verbesserung im Mitty-Film und vielleicht auch in Ihrem Roman: Warum die Suche nach dem Negativ nicht an das Wohl der ganzen Firma binden? Das würde einerseits die Einsätze erhöhen, es stünde mehr auf dem Spiel, wenn Mitty versagt. Andererseits würde es den Schluss stärker und berührender machen.
Sehen Sie sich an, was in Ihrem Roman auf dem Spiel steht. Geht es nur darum, dass Ihr Held die Prinzessin rettet, wenn er den Drachen erschlägt? Warum bedroht der Drachen nicht gleich das ganze Königreich? Das erhöht eben nicht nur die Einsätze. Sondern es macht auch den Helden größer – auf einmal kämpft er eben nicht nur für sich und sein Liebesglück, sondern für viel, viel mehr.
Und: Mit niedrigen Einsätzen beschränken Sie Ihren Helden. Das ist wichtig. Lesen Sie den Satz noch einmal: Mit niedrigen Einsätzen beschränken Sie Ihren Helden. Es ist, als ob Sie einen Deckel auf Ihre Geschichte legen. Vielleicht wäre der Held ja stark genug, vielleicht könnte er so weit wachsen, dass er die Prüfung besteht – wenn Sie ihn nur ließen! Er könnte zeigen, wozu er fähig ist – wenn Sie ihm nur die Gelegenheit dazu böten! Er könnte sich seine Prinzessin wirklich verdienen. Hindern Sie ihn nicht daran.

Das Ende von »Das erstaunliche Leben des Walter Mitty«« hat einen rührenden Zug, als enthüllt wird, was auf dem wiedergefundenen Negativ zu sehen ist (und was ich nicht verrate). Aber wie viel stärker würde diese Enthüllung emotional erst durchschlagen, wenn Walter Mitty zuvor tatsächlich um den Einsatz seiner ganzen Firma gekämpft hätte!

In »Ist das Leben nicht schön?« wird der berührende Schluss (der konkurrenzlos zuschauertränenreichste Schluss der Filmgeschichte) von Anfang an aufgebaut. Alles, was von der ersten Filmminute an eingezahlt wurde, wird hier ausgezahlt – durchaus im Wortsinne und sehr passend zum Motiv von George Baileys kleiner Bank.
Bei »Das erstaunliche Leben des Walter Mitty« wird wenig eingezahlt. Entsprechend wenig kann am Ende an den Zuschauer ausgeschüttet werden.

Sehen Sie sich Ihren Roman an. Können Sie persönliche Motive mit dem großen Ganzen verbinden? Besser noch: Können Sie beides verschmelzen?
Laden Sie Ihrem Protagonisten mehr auf, viel mehr. Nur bei hohen Einsätzen dürfen Sie am Ende einen hohen Gewinn in Form von Leser-Emotionen erwarten. Ein großes Ende will verdient sein – und gut vorbereitet. Walter Mitty hat sich wacker geschlagen, aber dieses an sich schöne Ende ist ein wenig zu groß für ihn geraten. George Bailey hingegen hat sich jede Träne und jeden Cent verdient, den er am Schluss bekommt.

Hinter jedem großen Mann steht ein großes Ganzes.

Danke fürs Lesen. Und jetzt weiter im Text. In Ihrem.

Stephan Waldscheidt

PS: Falls Sie »Ist das Leben nicht schön?« noch nicht kennen: Kaufen, ansehen, dazu muss nicht Weihnachten sein. Der Film ist ein Meisterwerk der Filmgeschichte, das auch in siebzig Jahren nichts von seiner Kraft verloren hat.

(c) SW 2014

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??? Meine Frage an Sie: Wie machen Sie Ihren Roman größer? Welcher Roman, welcher Film verbindet das Persönliche besonders gut mit dem großen Ganzen? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …

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